Woche 22 – LOOK MUM NO COMPUTER

Hinter LOOK MUM NO COMPUTER steht Sam Battle, der im Südwesten Englands lebt. Aus seinem Faible für Musik und Hinterhofbastelei ist ein echtes YouTube-Phänomen geworden. Als Musiker, Video-Creator und neuerdings auch Museumsdirektor besetzt er auf beeindruckende Weise die Nische analoger elektronischer Musik oder “alter” Elektronik im Allgemeinen.

Beeindruckend finde ich seine Arbeit nicht (nur) wegen des “wtf”-Faktors, seiner Furbie-Orgel, der Flammenwerfer-Orgel, des Synth-Bikes, seines selbstgebauten Synthesizers mit 1000 Oszillatoren, oder der Teletubby-Laola-Welle. Diese Projekte werfen für mich die Frage auf, was eigentlich produktive Tätigkeit ist. Man könnte meinen, all das Zeug sei völlig sinnlos und kostet unverhältnismäßig viel Geld und Zeit und Arbeitskraft. Gleichzeitig bewundern viele Leute seine autodidaktischen Fähigkeiten und das unheimliche Arbeitspensum, das Sam an den Tag legt. Er scheint sich in dieser Sache selbst auch nicht ganz sicher zu sein, beschreibt sich in dem Video zur Eröffnung seines eigenen Museums zwar als Workaholic (also als jemand, der das Arbeiten nicht lassen kann), in seinem TEDx-Talk nennt er seine Herangehensweise widerum “strategische Prokratination”, also die Alternativbeschäftigung, mit der er der “echten” Arbeit ausweicht.

Ich finde es spannend und einleuchtend, wenn Sam von seinen Schwierigkeiten erzählt, sich auf klassischerweise “produktive” Aufgaben zu konzentrieren, sich gleichzeitig aber unermüdlich hinter die Umsetzung von Ideen klemmen kann, die er zum Funktionieren bringen möchte. Und wie um den Verterter*innen klassischer Arbeitsverständnisse ein Schnippchen zu schlagen, ist LOOK MUM NO COMPUTER mittlerweile auch zu einer wirtschaftlich erfolgreichen Marke geworden.

Er veröffentlicht Musikvideos und Alben, in denen wenig überraschend auch einige kluge Gesellschafts- und Systemkritik steckt. Sicher wären einige Songs in meiner Weltuntergangs-Playlist gelandet, wenn ich die nicht thematisch auf deutschsprachige Songs eingeschränkt hätte. Zum Beispiel:

Nebenbei tourt er auch live auf verschiedenen Bühnen in Europa, mit seinem über Jahre selbstgebauten, modularen, analogen Synthesizer.

Vor Kurzem hat er sich, wie oben schon erwähnt, den lang gehegten Traum eines eigenen Museums verwirklicht, in das im weiten Sinne “obsoleter” Technik und der künstlerischen Auseinandersetzung damit gewidmet ist. In dem Ankündigungsvideo formuliert Sam, wie ich finde, wirklich kluge Gedanken zur Entwicklung von Technik und Innovation, aber auch zu dem Wert, der darin steckt, mit älterer Technologie vertraut zu bleiben, falls sich ein paar Jahrzehnte später herausstellt, dass ein anderer Innovationsstrang doch vorteilhafter ist, als man mal angenommen hatte (Stichwort: Elektromotor).

Zum Schluss: Wer einfach mal aus Spaß eine Person sehen möchte, die sich scheinbar absolut unverhältnismäßig doll über einen Keller voller alter Synthesizer freut, dem sei das Video von Sams Besichtigung des SMEM (swiss museum for electronic music instruments) ans Herz gelegt. =D