Woche 14 – Harry Miree

Wer mich kennt, wird es vielleicht merkwürdig finden, dass ich erst in der 14ten Woche den ersten Schlagzeuger in meinem YouTube-Feature vorstelle. Harry Miree ist energiegeladen, kreativ, urkomisch und hat das beste Schlagzeuger-Gesicht der Welt! Bei seinen Videos denke ich wehmütig daran, was mir durch die Lappen gegangen ist, als die Entscheidung durchsickerte, doch kein Musiker zu werden.

Der beste Weg, ihn kennenzulernen, sind meiner Ansicht nach seine direkt auf den Punkt getroffenen Auslassungen über das Für und Wider (eigentlich nur das Wider) und die Alternativen zu einem Cajon. Mein halbes Leben habe ich mir Jahr für Jahr die Finger an so einer seelenlosen Krachkiste wundgehauen, weil die doch ach so jugendlich rüber kommen und super zu transportieren sind. Aber was ist, wenn ich einfach kein Cajon spielen will?!

Seine humorvollen Einblicke in das Leben als Tour-Musiker kann ich erstaunlich gut mit meinen eigenen Erlebnissen als “fahrender Tagungsgänger” in den letzten Jahren parallelisieren, in denen ich zwischen Ehrenämtern und Studium sehr viel auf politischen und wissenschaftlichen Veranstaltungen unterwegs war. Die Abläufe und Personen, die unabhängig vom Kontext immer irgendwie ähnlich sind, genauso wie der Blick hinter die Kulissen, der sich jedes Mal wieder lohnt.

Achso, er ist auch ein verdammt guter Schlagzeuger. Ich wünsche mir, dass ich in einer weniger turbulenten Lebensphase wieder zur Musik zurückkomme, nur um mal bei etwas so “im Moment” zu sein, wie Harry Miree es ist, wenn er am Schlagzeug sitzt. Wenn man eine Sache so abfeiern kann, ist es wahrscheinlich das Richtige. Ebenfalls interessant dabei: Er spielt mit “offenen Händen”, das heißt er überkreuzt seine Arme zwischen Hi-Hat und Snare-Drum nicht. Obwohl es mit einigen Umbauten am Set verbunden ist, leuchtet mir das intuitiv ein und ich würde es super gern ausprobieren, wenn ich mal wieder spielen sollte.

Ich bin allerdings recht früh auch auf ein ganz anderes Video von ihm gestoßen, in dem er zwei für mich sehr eindrückliche Tagebucheinträge vorliest, die seinen eigenen Suizidversuch und seine Gedanken zum kürzlichen Tod eines Freundes und Cousins beschreiben. Harry Miree ist offenbar ein ausgesprochen sensibler Mensch und gut mit Worten – sehr gut. Was er sagt, hat mich damals angerührt, wie ich es bei einem Video, weniger als 5 Minuten lang, vom anderen Ende der Welt, nicht erwartet hätte.*

Wie schön ist es, vor diesem Hintergrund zu sehen, wie Harry einige Jahre später tatsächlich die Chance hat, sein größtes Idol, Carter Beauford, persönlich zu interviewen, mit ihm Witze zu reißen, Geschichten auszutauschen und gemeinsam über die gemeinsame Leidenschaft zur Musik zu quatschen! Carter ist bestimmt eine coole Nummer, aber ich schaue die ganze Zeit auf Harry’s Gesicht und freue mich, wie viel ihm dieses Gespräch ganz offensichtlich bedeutet. Und nebenbei ist das ein super Beispiel dafür, wie man mit guter Vorbereitung interessante und persönliche Interviewfragen stellen kann, die das Gegenüber zum Sprechen und zum freien Erzählen anregen.

*Suizidgedanken sind Folge einer Erkrankung (z.B. Depression) und können behandelt werden. Wenn du selbst depressiv bist, oder dich Suizidgedanken plagen, kannst du jederzeit anonym die Telefonseelsorge im Internet kontaktieren, oder über die kostenlosen Hotlines 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Die Deutsche Depressionshilfe ist in der Woche tagsüber unter 0800/33 44 533 zu erreichen.