Woche 12 – Keine Parolen

von Dendemann

An dem Tag, an dem die Grüne Landesliste für den Bundestag aufgestellt wird, gibt es kaum einen besseren Song für mein Feature als “Keine Parolen” von Dendemann. Jede Zeile sitzt und trotzdem bin ich mir über den Song hinweg nicht durchgängig sicher, wer hier eigentlich lyrisches Ich und wer Adressat ist.

Ich höre die Anklage an eine Lebenshaltung, in der es viel zu häufig erstmal darum geht, dass man selber gut wegkommt. Ich höre die ehrliche und bissige Selbstkritik des bürgerlich aufgewachsenen Möchtegern-Revolutionären, der merkt, dass er es sich in seinen eigenen Privilegien schon wieder viel zu sehr bequem gemacht hat. Ich höre den Spott über eine Wähler*innenschaft, die trotz ihrer stolzen Selbstwahrnehmung eine krasse Abneigung gegen Inhalte und mutige Festlegungen hat und viel zu gerne diejenigen belohnt, die ihnen einfach Plattitüden ums Maul schmieren und ihre Interessengruppen hofieren. Ich höre den Frust über politisches Interesse, das nur geheuchelt ist und eine selbstgerechte “Herr Ober!…”-Haltung, als wäre Politik eine Bringschuld.

Der Song hat aber nur deshalb so einen Drive, weil hinter dieser ganzen Unzufriedenheit der große Wille zur Veränderung steckt. Statt platter Nörgelei (von der wir nun wirklich schon genug haben) drückt Dendemann einen festen Anspruch an Politik aus. Kehren wir die Hook-Line um, wird daraus: “Wir wollen Prinzipien, wir wollen Parolen!”. Was wäre denn statt Werbeslogans oder Naziparolen mal mit “echten” Wahlsprüchen? Sammelrufe, in denen politischer Inhalt fest konkretisiert wird. Der Song stellt eine Haltung bloß, die in unserer Gesellschaft nur allzu stark um sich greift: “Ach, geh mir weg mit Politik – Das ist doch alles das gleiche, alles Unsinn!”. Da halte ich nicht viel von. Fatalismus und Zynismus sind häufig nur der Versuch, angesichts der eigenen Hilflosigkeit die emotionale Oberhand zu behalten. Stattdessen wünsche ich mir einen anderen Anspruch, der nicht weniger kritisch ist: “Ja komm mal her mit deinem Wahlspruch! Trau dich, wir warten! Aber gib dir Mühe dabei, denn wir gucken uns das ernsthaft an und hauen dir das Ding um die Ohren, wenn du nur Müll erzählst!”.

So denke ich jedenfalls selber häufig, wenn mich ein Thema angeht und packt. Ich bin nicht frustriert von Politik, ich bin begeistert davon! Frustriert bin ich, wenn meine Erwartung eine inhaltliche Auseinandersetzung zu einer bedeutenden Sache war und ich wieder mit irgendwelchen abgehalfterten Allgemeinplätzen abgespeist werde, die nur auf gute Außendarstellung abzielen.

Zur Referenz auf die Goldenen Zitronen ganz am Ende sagt Dendemann selber in einem Interview: “Aus mir spricht in dem Track ja der satte Mittelstandsesselfurzer ohne Rückgrat. Der keine Parolen will, genau das dann aber mit erhobenen Fäusten fordert und sich „Keine Parolen!“ am liebsten aufs T-Shirt drucken würde. Und am Ende des Tracks hat der eben diese riesige Sehnsucht nach Veränderung, weiß aber gar nicht so recht, was er sich überhaupt wünschen soll, gesättigt und zufrieden wie er ist. Und naja: Dann ist das Stürzen der Regierung eben die naheliegendste Forderung.” (jetzt.de)

Großes vor, aber nüscht dahinter,

doch wir zahlen Steuern und wir haben hübsche Kinder.

Wir fühlen uns mit uns eigentlich ganz wohl,

wir wollen keine Statements, keine Parolen!

Dendemann