Woche 11 – Charlotte Atlas

von Judith Holofernes

Atlas, der Titan, der dazu verdammt ist, das gesamte Himmelsgewölbe auf seinen Schultern zu tragen, hat auch letzte Woche schon im Song-Feature eine Rolle gespielt. Der Song hier könnte eine Antwort auf letzte Woche sein. Judith Holofernes scheint eine Freundin vor Augen zu haben, die in dem Gefühl lebt, mit ihren Entscheidungen und Handlungen das Gewicht der Welt zu tragen – wie es so viele von uns überkommt, jedenfalls wenn wir uns eingehender mit Nachhaltigkeit befassen. Es steht so viel auf dem Spiel. Auch Alltägliches und ganz Nebensächliches hat plötzlich eine große Bedeutung, wenn wir uns seiner Konsequenzen bewusst werden. Wie bewege ich mich? Was ziehe ich an? Was kaufe ich ein und was esse ich? Wo habe ich mein Bankkonto und wie verbringe ich meine Freizeit? Ist der Umgang, den ich für normal halte, am Ende diskriminierend? Das Gewicht der Entscheidungen liegt schwer auf unserer Generation.

Der Vergleich mit Atlas ist augenzwinkernd gemeint und ermutigt zur Lockerung: Nimm es nicht so schwer! Denk dich nicht als Zentrum, mit dem alles steht und fällt! Es ist so wichtig, dass wir einander immer wieder daran erinnern, dass systemische Veränderungen nur gemeinsam geschehen können und niemand allein für Wohl und Wehe unseres Miteinanders verantwortlich ist. Sich diesem Gefühl für lange Zeit auszusetzen, tut uns nicht gut und wir brauchen Freund*innen, die uns da rausholen. Dabei verlacht der Song aber nicht die Person und die Gründe, die hinter dieser häufig etwas verbissen anmutenden Haltung stecken und das ist so wichtig! Denn hinter Ernährungs-umstellungen, Autoverzicht, inklusiver Sprache und der Arbeit bis zur Selbstausbeutung steht das Gefühl der Verantwortung für den Zustand der Welt, für das Leben anderer Menschen und die Sensibilität für all das, was so haarsträubend falsch läuft und verloren zu gehen droht. Ihr kennt sicherlich alle eine Charlotta Atlas in eurem Bekanntenkreis oder seid es selbst. Ermutigt sie mal zu einer Pause von der Anspannung des überbordenden Verantwortungsgefühls, aber ohne das Gefühl selbst zu problematisieren, das ist nämlich wertvoll und wahr.

Charlotte, soll ich mal?

Nein, du kannst nicht mal

für fünf Minuten Pause machen.

Atlas braucht nicht blau zu machen.

Judith Holofernes