Wir brauchen kein LNG-Terminal für die Energiewende

Seit ich Kandidat geworden bin, werde ich immer wieder auf das Flüssiggasterminal (LNG-Terminal) angesprochen, das direkt nebenan, beim Gelände der DOW, in Planung ist. Diese Terminals sind ein heißes Thema, nicht nur in der Region, sondern auch auf Bundes- und Landesebene. Die Einen sehen darin einen notwendigen Umschlagplatz für die Energieträger der Zukunft. Für die anderen ist es eine katastrophale Verfestigung fossiler Infrastruktur und Einfallstor für die Einfuhr von Frackinggas.

Hier zeige ich in Kurzform, wie meine fachliche Auseinandersetzung mit dem Thema aussieht, wieso ich mich also gegen diese Terminals und auch konkret gegen das in Stade positioniere. Unten verlinke ich auch die Positionen der Landesverbände Niedersachen und Schleswig-Holstein und die Positionen der Bundestagsfraktion. Mit dabei ist auch eine Metastudie zur zukünftigen Entwicklung des Gasmarktes, die hinter der Argumentation steht.

Mein Entscheidungsbaum sieht so aus:

Es gibt drei Strategien im Umgang mit dem Klimawandel: Mitigation, Anpassung und Climate Engineering.

Mitigation ist das Verhindern des Klimawandels, vor allem durch eine Senkung der Treibhausgasemissionen. Anpassung beinhaltet alles vom Züchten robusterer Nutzpflanzen, über die Erhöhung von Deichen, bis hin zu klimabedingten Migrationsbewegungen. Climate Engineering ist der technische Eingriff in das Klima auf der Erde, indem etwa die Sonneneinstrahlung auf die Erde geblockt oder abgelenkt wird, oder indem wir die Zusammensetzung der Erdatmosphäre manipulieren.

Long story short: Die Mitigation des Klimawandels ist den beiden anderen Strategien haushoch überlegen und sollte mit vollem Einsatz verfolgt werden. In nahezu jedem Fall ist es einfacher, günstiger und für alle Beteiligten gerechter, wenn wir einen Teil des Klimawandels verhindern, als im Nachhinein mit dessen Folgen umgehen zu müssen.

Schon seit Jahrzehnten kennen wir klare Entwicklungspfade, die zu einer Minderung oder einem Stopp des Klimawandels führen. Dass wir sie nicht (entschlossen genug) verfolgen, liegt zum großen Teil an der strukturellen Verfestigung nicht-nachhaltiger Handlungsweisen, etwa der fossilen Energieinfrastruktur auf globaler und nationaler Ebene. Für eine zügige Energiewende ist es notwendig, dass wir diese Strukturen aufbrechen und politisch wir wirtschaftlich klar signalisieren: Fossile Energieträger sind schon mittelfristig keine Investionen mehr wert. Eine Verfestigung solcher Strukturen schafft weitere Abhängigkeit, die wir im nächsten Schritt nur umso aufwändiger wieder abbauen müssen.

Der Schluss: Ein neues LNG-Terminal ist abzulehnen.

Es sei denn, das Terminal ist für das übergeordnete Ziel der Energiewende förderlich oder notwendig!”, sagen nun die Befürworter*innen dieses Terminals. Die entsprechenden Argumente gehe ich durch:

Das Argument ist, das Terminal sei als Erdgas-Terminal förderlich oder notwendig für die Energiewende.

Der Punkt ist unhaltbar und wird kaum ernsthaft vertreten. Wir haben keine Zeit, erst eine “halbe” Energiewende zu machen, um später auf eine “echte” Energiewende umzurüsten. Deshalb lasse ich den Punkt hier außenvor.

Das Argument ist, das Terminal werde mittelfristig ausschließlich grünen Wasserstoff umschlagen und sei dann förderlich oder notwendig für die Energiewende.

Einwand 1: Der Bedarf für Energieimporte ist nicht so hoch, dass ein neues Terminal notwendig ist (s. Studie: Neue Gaswelt)

Einwand 2: Die Möglichkeit für den Import von grünem Wasserstoff ist mittelfristig gar nicht da. Die Technologie ist nicht ausgereift, es fehlt ein internationales Zertifizierungssystem für grünen Wasserstoff und das Angebot auf dem Weltmarkt gibt es in naher Zukunft nicht.

Das Argument ist, das Terminal werde mittelfristig grünes E-Methan/Ammoniak umschlagen und sei dann förderlich oder notwendig für die Energiewende.

Hier gelten dieselben Einwände:

Einwand 1: Der Bedarf für Energieimporte ist nicht so hoch, dass ein neues Terminal notwendig ist (s. Studie: Neue Gaswelt).

Einwand 2: Die Möglichkeit für den Import von grünem E-Methan/Ammoniak ist mittelfristig ebenfalls nicht da. Auch hier fehlt es an der entsprechenden Technologie, einem Zertifizierungssystem fehlt und am Angebot auf dem Weltmarkt.

Die Grüne Energiewende bedeutet: Der Energieverbrauch muss so schnell wie möglich reduziert und die Erneuerbaren Energien so schnell wie möglich ausgebaut werden. Richtig gemacht, gelingt so der Ausstieg aus Kohle und Atom, ohne dass Erdgasimporte als Übergangslösung notwendig sind. Wir schaffen die Energiewende, ohne mittelfristig notgedrungen fossile Strukturen ausbauen und verfestigen zu müssen. Der zukünftige Import von grünem Wasserstoff muss mitgedacht werden und ist bereits in der Grünen Wasserstoffstrategie berücksichtigt. Das erfordert aber kein neues Terminal (das zudem auf Methan ausgelegt wäre). Der Schluss bleibt stehen: Das Terminal in Stade ist abzulehnen.

Dazu die entsprechenden Beschlüsse der Grünen Landesdelegiertenkonferenzen in Niedersachsen vom Mai 2019 und November 2019 und der Beschluss der Grünen Landesdelegiertenkonferenz in Schleswig-Holstein vom Oktober 2020.

Hier die Haltung der Grünen auf Bundesebene zum Thema Energie in Kurzfassung.

Außerdem einige einschlägige Anträge der Grünen Bundestagsfraktion zur Grünen Wasserstoffstrategie (04/20), zur Änderung des EEG (12/20) und zum sozial-ökologischen Wandel in der Industrie (02/21).

Und zuletzt die besagte Metastudie zur Entwicklung des Gastmarktes, die von der Grünen Bundestagsfraktion in Auftrag gegeben wurde: